„RESET Portugal“

Inhalt

„RESET Portugal“ ist eine spezielle, innovative Jugendhilfemaßnahme für verhaltensauffällige Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene auf der Basis des deutschen § 27 SGB VIII i. V. m. § 30, § 31, § 35, § 35a und § 41 SGB VIII und ist eingebettet u. a. im Bereich „Soziale Landwirtschaft“. Innovativ ist die direkte Vernetzung der oben genannten Paragraphen mit praktischen Tätigkeiten in verschiedenen Berufsfeldern bei Pflegefamilien. Die Jugendhilfemaßnahme „RESET Portugal“ findet vorrangig in den portugiesischen Regionen Algarve und Alentejo statt. Wir nutzen den motivierenden Charakter der sinngebenden Aktivitäten und Arbeit in ländlichen Regionen sowie der tiergestützten Intervention in einer reizarmen Umgebung in Portugal. Ergänzende Möglichkeiten unterhalten wir auch in anderen Regionen innerhalb und außerhalb der EU, so z. B. auf Kap Verde. Die gesamte Steuerung aller Jugendhilfemaßnahmen wird unter deutscher Leitung von CAIPERA, LDA aus Portugal und dem Büro in Deutschland wahrgenommen. Somit versteht sich das Projekt „RESET Portugal“ nicht nur in Bezug auf das Land Portugal, sondern vielmehr als Orientierungs- und Handlungsanleitung für alle Jugendhilfemaßnahmen der CAIPERA, LDA.

Die Jugendhilfemaßnahmen sind für mindestens zwei Jahre konzipiert. In die Gesamtverweildauer fließen individuelle und schulische Entwicklungsfortschritte ein. Darüber hinaus besteht die Möglichkeit für eine gezielte Krisenintervention die Aufenthaltsdauer abweichend von der Regeldauer zu gestalten.

Das Besondere der Jugendhilfemaßnahme „RESET Portugal“ beruht auf einer bedeutenden räumlichen und zeitlichen Trennung der Kinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen von ihrem gewohnten sozialen Gefüge.

Die Kinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen sind weit genug von ihrem gewohnten Lebensumfeld entfernt, um keinen ungewollten Kontakt zum Herkunftsmilieu und Peergroups aufnehmen zu können. Zusätzlich sind sie gezwungen, sich in ein unbekanntes und andersartiges Land mit fremder Sprache einzuordnen. Damit funktionieren ihre gewohnten Ausweich- und Blockadestrategien nicht mehr. Dies steigert den Erfolg der Jugendhilfemaßnahme, da die Kinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen völlig frei von bisherigen Einflüssen sind und durch einen „RESET“ sich selbst wiederentdecken können.

Das Projekt dient als Ergänzung bzw. als Erweiterung der allgemeinen sozialpädagogischen und erziehungswissenschaftlichen Theorieansätze in einem internationalen Kontext. „RESET Portugal“ bietet Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen einen überkonfessionellen, pädagogisch gestalteten, professionellen, reizarmen, strukturierten und verlässlichen Lebens- und Rückzugsort auf Zeit. Dabei greift besonders die territoriale Entfernung als besonders hilfreicher Faktor.

Die Integration sowohl in das Familienleben als auch in das portugiesische Umfeld initiiert Entwicklungsprozesse und ein verbessertes Gesellschaftsverständnis. Das direkte sinnhafte Erleben der Notwendigkeit sich auf die Betreuerfamilie, auf Landessprache und auf die kulturellen Besonderheiten einstellen zu müssen, ermöglicht den Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen einen völlig neuen Zugang zu zwischenmenschlichen Beziehungen sowie einer beruflichen Tätigkeit. Unterstützt wird dieser Prozess gleichzeitig durch das Leben mit Tieren in und um die Natur sowie dem festen familiären Zusammenhalt in dieser Kultur.

Alleinstellungsmerkmal

Parallel werden sowohl die Betreuerfamilien als auch die Kinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen von einer sozialpädagogischen Fachkraft begleitet. Diese übernimmt alle organisatorischen wie formellen Angelegenheiten und wirkt als Moderator sowie Mentor zwischen Betreuerfamilie und dem Kind, dem Jugendlichen oder jungen Erwachsenen. Darüber hinaus bietet die sozialpädagogische Fachkraft zusätzliche Freizeitaktivitäten, pädagogisch-therapeutisch orientierte Zusatzangebote und schulische Unterstützungsleistung. In Krisensituationen steht sie allen Beteiligten zur Seite. Damit werden die Betreuerfamilien mit dem Kind, dem Jugendlichen oder jungen Erwachsenen permanent pädagogisch betreut und therapeutisch begleitet.

In vielen Betreuerfamilien besitzt mindestens ein Familienmitglied eine sozialpädagogische Qualifikation. Dieses Familienmitglied übernimmt, in Abstimmung mit der pädagogischen Fachkraft, sozialpädagogische Aufgaben. Ergänzend werden alle Betreuerfamilien in einer Supervision von einer Fachkraft (Supervisor) regelmäßig reflektiert und betreut. In der Supervision erfolgt eine Beratung der Betreuerfamilien, die zur Reflexion des eigenen Handelns anregen sowie die Qualität der Betreuung sichern und verbessern soll.

Zielgruppe

Die Zielgruppe sind Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene, welche mit den „klassischen“ bzw. individuellen Leistungen der Jugendhilfe nicht mehr ausreichend in ihrer Entwicklung gefördert werden können. Die Hilfe ist für jene Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene bestimmt, die durch ihre Biografie und/oder im Zusammenhang mit einer seelischen oder ggf. geistigen Beeinträchtigung wesentlich in ihrer Fähigkeit, an der Gesellschaft altersgerecht teilzuhaben, eingeschränkt oder von einer solchen wesentlichen Einschränkung bedroht sind.

Es werden gleichermaßen Mädchen und Jungen aufgenommen, das Geschlecht spielt keine Rolle.

Projektziele

Unsere Ziele in Bezug auf das Projekt „RESET Portugal“ sind getragen von unseren Leitprinzipien und wurden folgendermaßen identifiziert und definiert:

Allgemein:
– Verhinderung einer Verschlimmerung der Situation
– Verbesserung der sozialen, physischen und psychischen Verfassung
– Erarbeitung einer allgemeinen Lebensperspektive
– Integration in ein soziales Gefüge

Individuell:
– Stärkung und Steigerung des Selbstwertgefühls, Selbstvertrauens und Selbstbewusstseins
– Entwicklung von Selbständigkeit im Denken, Lernen, Handeln und Arbeiten
– Übernahme von Verantwortung für das eigene Leben
– Förderung der Kommunikations- und Bindungsfähigkeit
– Aufbau von tragfähigen Beziehungen (Vertrauen, sich aufeinander Verlassen, Abbau von Ängsten)
– Förderung der sozialen Kompetenz
– Einhalten von Regeln, Normen und Verpflichtungen in der Familie, Schule und Gesellschaft
– Aufarbeitung erlebter negativer Erfahrungen
– Erschließung neuer Handlungsstrategien
– Erlernen von Konfliktlösungsstrategien (Auseinandersetzen mit Krisen und Problemen)
– konstruktiver Umgang mit Kritik und Lob
– Wahrnehmung der eigenen Bedürfnisse, Gefühle und individuellen Grenzen
– Erhöhen der Selbstkontrolle
– Respekt und Toleranz gegenüber anderen Kulturen und Lebensweisen
– Erlangen eines Schulabschlusses
– Berufliche Orientierung

Netzwerk:
– schulische Integration (neben portugiesischen Schulen werden vorrangig deutschsprachige Schulen mit unterschiedlichen Abschlüssen eingebunden)
– Unterstützung der Betreuerfamilien durch externe sozialpädagogische Fachkräfte
– Kooperation mit der „Sozialunternehmen Förster GmbH“ für ggf. vorbereitende und/oder anschließende Erziehungshilfemaßnahmen (ambulante und stationäre) sowie als Ansprechpartner im Herkunftsland

Familienleben

Das Familienleben und die traditionelle ländliche Struktur, in Verbindung mit der natur- und tiergestützten Arbeit, eröffnet den Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen die Chance, ihre individuellen und sozialen Problemlagen zu verarbeiten und zu bewältigen. Die Betreuerfamilien vor Ort organisieren vielfältige Beschäftigungsmöglichkeiten. Dabei werden durch Reflexionen und begleitende Gespräche (Hilfeplangespräche und Supervision) die eigene Handlungs- und Wirkungsweise regelmäßig überprüft.

Stellt die Ursprungsfamilie eine positive Ressource für den Jugendlichen dar, wird sie in den Hilfeprozess mit einbezogen.

Die Betreuung wird stets auf die individuelle Lebenssituation des jungen Menschen abgestimmt und kann zeitweise eine intensive sozialpädagogische Einzelbetreuung im Sinne des § 35 und § 35a SGB VIII notwendig machen.

Der Herstellung von Beziehungsfähigkeit kommt in diesem Zusammenhang eine wesentliche Bedeutung zu. Das Leben in einer natürlich geprägten Umgebung lehrt, eine neue Einstellung zur Arbeit sowie zum Gemeinschaftssinn zu entwickeln.

Die Kinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen sollen entsprechend ihrer Fähigkeiten, stets ausgerichtet an ihren Interessen und Neigungen, möglichst von Anfang an in das Geschehen in der Betreuerfamilie einbezogen werden und Aufgaben übernehmen. Erfolgserlebnisse, Anerkennung für ihre Arbeit, das Zusammenspiel aller Familienmitglieder bei der Bewältigung der anstehenden Aufgaben sowie der emotionale Aspekt ermöglicht dem Kind, Jugendlichen oder jungen Erwachsenen zu sich selbst zu finden. Sie entwickeln aus eigener Motivation heraus Verantwortungsbewusstsein, Zuverlässigkeit, Zugehörigkeit und soziale Stabilität. Damit werden sie in die Lage versetzt, die in der Regel defizitäre Familien- und Erziehungssituation in der Herkunftsfamilie sowie psychische Defizite aufzuarbeiten und zu kompensieren.

Weiterhin soll im Familienleben eine Vorbereitung auf das spätere selbstständige Wohnen und eine Berufsorientierung stattfinden. Besonders innovativ am Projekt „RESET Portugal“ ist der ihm innewohnende berufsorientierende und berufsvorbereitende Charakter. Die CAIPERA, LDA und die Betreuerfamilien unterhalten enge Kontakte zu örtlichen Betrieben mit zahlreichen Berufsfeldern. Die Jugendlichen und jungen Erwachsenen können sich unkompliziert und ohne Wechsel der Bezugspersonen in den verschiedenen Bereichen ausprobieren und im gemeinsamen Arbeiten schon ein Stück Ausbildungs- oder Berufsreife erlangen.